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Anfang letzten Jahres wurde Michael Müller zum ersten
Mal mit einem Zeichenprojekt im Kabinettraum der Galerie vorgestellt:
Eine Serie von Blättern der von ihm geschaffenen Schrift „K4“. In
der kommenden Ausstellung, dieses mal im großen Raum, wird die Gelegenheit
geboten, sich einen Überblick über die verschiedenen anderen
Bereiche dieser atem beraubenden zeichnerischen und schreiberischen Produktion
zu verschaffen. Wie genau kann Imagination sein, wenn als Anhaltspunkt
nur das eigene Bildgedächtnis zur Verfügung steht? Das besondere
Talent Müllers könnte am leichtesten darin zu sehen sein, wie
es ihm immer wieder gelingt, für komplexe wahrnehmungs- und wissenstheoretische
Sachverhalte eine geradezu physisch „einleuchtende“ Umsetzung ins Graphische
zu finden. In seinen zeichnerischen Projekten – den kartographischen Zeichnungen,
den Wolkenbildern, den „Porträts“ von Gegenständen – geht es
nicht um eine realistische Nachahmung einer als Norm gesetzten Außenwelt.
Sondern um den Versuch, dem Zeichnen jenseits seiner medialen Zuschreibungen
neue Betimmungen als Erkenntnistechnik zu geben. Das zeigen auch seine
Arbeiten zur Schriftgewinnung und Schriftübertragung sowie zur Visualisierung
mathematischer Probleme. Nach seinem Studium an der Düsseldorfer
Akademie in der Klasse von Magdalena Jetelova hat sich Michael Müller
mit einem Projekt zur Darstellung der so genannten „Ulam-Zahlen“ - eine
sich ins Unendliche erstreckenden Versuchsanordnung zu einer spezifischen
Zahlenfolge – beschäftigt, das in der aktuellen Ausstellung ebenfalls
zu sehen sein wird. Müllers präzise schöpferische Phantasie,
das wird an allen diesen Arbeiten deutlich, richtet sich in einem langwierigen,
aber von faszinierenden Ergebnissen belohnten Konzentrationsakt nach innen,
auf die Erinnerungsbilder, auf jenes räumliche Vorstellungsvermögen,
das zumindest vom Ansatz her in der Lage ist, der Form der Gedanken nachzuzeichnen.
Der Künstler bedient sich dabei eines konzeptuell bestimmten Idioms,
das vorwiegend mit Hilfe von aufopferungsvoll ausgedehnten Graphitzeichnungen
Form erhält. Zu entdecken sind seine Zeichnungen fiktiver Landkarten,
wie sie in der Ausstellung „Die Sehnsucht des Kartografen“ im Kunstverein
Hannover zu sehen waren, sowie eine weitere Ansicht seines „K4“-Projekts,
das inzwischen mehr als 360.000 Zeichen umfasst. Zur Ausstellung von Michael
Müller erscheint als erste größere Publikation dieses
Künstlers ein reichhaltig bebilderter Katalog mit Texten von Clemens
Krümmel und Tobias Vogt.
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